Erinnerungen an
Eckehart SchumacherGebler
Stefan Huber · Zürich · esg.signalwerk.ch · 2022-12-25
Exposition
Am «22. Bundestreffen Forum Typografie» (2007) saß ich am Samstagabend in Düsseldorf mit einigen Kongressteilnehmenden beim Nachtessen. Der Zufall wollte es, dass ich mich neben einen mir zuvor unbekannten Herrn setzte, der mir fast Unglaubliches erzählte; er würde in Leipzig eine produktive Bleisetzerei betreiben. Der Betrieb würde mit einigen Angestellten für Bibliophile und Liebhaber·innen von Typografie noch in traditioneller Technik produzieren. Es handelte sich dabei um Eckehart SchumacherGebler (ESG – wie er von vielen auch genannt wird). Da ich gerade in der Ausbildung zum Schriftdesigner an der Schule für Gestaltung in Zürich war, hatten wir diverse überschneidende Interessengebiete und interessante Tischgespräche. Ich kannte zuvor diverse Museums- und Liebhaber·innen-Werkstätten, aber eine Offizin, die noch Angestellte und Aufträge hat? Die im Jahr 2007 noch eine Technologie betreibt, die seit mehreren Jahrzehnten durch Folgetechnologien abgelöst wurde? Das faszinierte mich. Noch in unserem Gespräch stand für mich fest, dass ich bei so einem Betrieb ein Praktikum machen möchte. Eine solche Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen. Er meinte jedoch, dass er im Moment kein Praktikant oder keinen weiteren Mitarbeiter bräuchte. Aber er braucht jemanden, der das Wissen mit der traditionellen Technologie weiterträgt. Es gäbe fast keine Leute, die nicht schon im Pensionsalter sind und aber noch das Fachwissen lebendig halten könnten. Es war also eine Absage, die in einen Auftrag verpackt war. Ich schrieb im Anschluss an die Konferenz einen Brief an den, mit Detailwissen zur Typografie sprudelnden Fachmann. Im Brief bestärkte ich noch einmal meinen Willen nach Leipzig zu kommen. Da ich zuerst noch meine Ausbildung zum Schriftdesigner zu Ende bringen und meinen Zivildienst abschließen musste, versprach ich später noch einmal mit ihm in Kontakt zu treten. Im Spätsommer 2008 konnte ich mich vom Zivildienst ein paar Tage frei machen und besuchte dann zum ersten Mal in seiner Begleitung den Produktionsbetrieb Typoart in Dresden, wie auch die Offizin Haag-Drugulin in Leipzig. Für mich war sofort klar, dass mein ursprünglicher Plan – in seinen Betrieben ein Praktikum zu machen – der richtige Weg ist. Nachdem ich meine Pflichten in Zürich und eine längere Reise beenden konnte, hatte ich mich erneut bei dem für mich nach wie vor faszinierenden ESG gemeldet. Bei einem erneuten Telefongespräch hatte er gar nicht mehr infrage gestellt, ob er mich als ein Praktikant annehmen würde, sondern unser Gespräch drehte sich bereits um die Details. So bin ich also im Frühjahr 2009 zuerst eine Woche im Betrieb in Dresden tätig gewesen. Die Handsetzerei, die heute in den Räumen der Typoart steht, war noch nicht dort, sondern war damals noch in Leipzig. Es waren jedoch Bestände von der Bundesdruckerei vorhanden, die sortiert und geordnet werden konnten. Auch die im Nebenhaus gelagerten Schätze aus diversen Beständen durfte ich besichtigen. Danach bin ich nach Leipzig gegangen, um für das nächste Semester das Handwerk des Handsetzers besser kennenzulernen.
Sechs Monate Praktikum in Leipzig
Eckehart SchumacherGebler besprach mit mir die bevorstehenden Praktikumsarbeiten und gab die gestalterische und inhaltliche Vision, während mir Frau Graichen im Handsatz das handwerkliche Rüstzeug vermittelte. Herrn Märker als Schriftgiesser sorgte dafür, dass meine Schriftkästen auch bei grösseren Arbeiten gefüllt blieben. Bald schon fand ich eine Wohngemeinschaft, ein Fahrrad und in Leipzig ein neues Zuhause. Der tägliche Arbeitsweg in die Nonnenstrasse führte mich über die Weiße Elster und durch den Clara-Zetkin Park, bei dem es im Sommer auch mal Kaffee und Eis von fliegenden Händlern gab. Es war ein tägliches Pendeln zwischen alternativem Studentenhaus durch ein, mich noch an die Ost-Zeiten erinnerndes, Leipzig hin in eine Druckstube, die so vor 100 Jahren schon hätte sein können. In vielen Gesprächen und Fachdiskussionen durfte ich einen Teil von ESGs immensem Druck- und Schriftwissens in mir aufnehmen. Er erzählte mir über viele Monate – verpackt in kleinen Episoden – seine Erlebnisse beim Suchen und Retten von Bleisatzbeständen und die dazu gehörenden Maschinen. Er erzählte von seinen geliebten Büchern und Schriften, von seiner Familie und seinen Unternehmen. Ich genoss es in seiner Anwesenheit zu sein und von ihm zu hören und zu lernen. Mitunter lud er mich in seine Leipziger Wohnung ein, um mir dort Bücherschätze zu zeigen. Seine Wohnung war ein Arbeitsort – das war schwer zu übersehen. Es stapelten sich die Bücher und Projekte, die er in seinem Wissens- und Tatendrang um sich ansammelten. Nicht nur zeigte er mir die wertvollen Werke, sondern er besorgte auch immer eine Brotmahlzeit mit etwas Wurst und Käse. Diese Mahlzeiten mit ihm waren für mich die besten. Es war einfach und bodenständig und er verstand, dass ein gutes Abendbrot aus einem tollen Gespräch bestand und die Leckereien unterstützen uns beim Austausch. An den Tagen, in denen er in Leipzig war, gab es für ihn viel zu organisieren, besprechen und aufzugleisen. Trotzdem nahm er sich immer Zeit für meine Anliegen und meine Arbeiten. Gelegentlich stand er an der Handabzugspresse und erstellte von vorbereitetem Satz eigenhändig Abzüge. Er tat dies in seinem Anzug und mit weissem Hemd. Er legte sich keine Schürze um, da er es verstand, die Presse zu bedienen, ohne Farbe auf seine Kleidung zu bekommen – meist hatte er nicht einmal schwarze Finger. Die Monate vergingen wie im Flug und eines Abends sprachen wir wieder einmal über die Zukunft der Offizin Haag-Drugulin (OHD). Ich wusste, dass ich gekommen bin, um das Wissen weiterzutragen. Ich war mir auch der Verantwortung bewusst. Er wollte in diesem Gespräch auch meine Zukunft mit der OHD besprechen. Doch ich musste ihn enttäuschen. Bis heute bin ich der «schwarzen Kunst» mit diversen Mitgliedschaften in entsprechenden Vereinen verbunden. Auch versuche ich in meiner eigenen Lehrtätigkeit meinen Studierenden die Wichtigkeit der typografischen Geschichte und auch des Bleisatzes weiterzugeben. Doch mein Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Leipzig zu verschieben, war für mich keine Option. Auch dafür hatte er viel Verständnis und seit diesem Gespräch war er auch nicht mehr der Herr SchumacherGebler, sondern der Eckehart. Da mir Leipzig und der Betrieb so ans Herz gewachsen sind, blieb ich auch nach meinem Semester seinem Betrieb und der Stadt treu und lebte insgesamt etwa zwei Jahre in der Südvorstadt. In regelmäßigen Abständen besuchte ich den Betrieb und Eckehart. Ich erstellte für ihn eine Website zur Monografie der F. H. Ernst Schneidler und später machten wir einige Tests, um den Monotype-Taster zu digitalisieren. Er wollte ein System aus den 1980er-Jahren wieder beleben (Tests schlugen fehl) und ich bot meine Programmier-Kenntnisse für die Erschaffung eines auf moderner Technologie basierten Satzsystem an. Auch nach dem Umzug des Betriebs von Leipzig nach Dresden (Frühjahr 2010) und meinem späteren Umzug zurück nach Zürich (Herbst 2010) blieben wir über die Jahre in losem Kontakt. Was unsere Zusammenarbeit auch immer so unkompliziert machte, war der Fakt, dass wir nie über Geld sprechen mussten. Für beide war immer klar, dass wir Zeit investieren, aber nie hatte Geld die Seiten gewechselt. Es ging um die Sache.
Ein Abschied in Typografie
Ich war dankbar, wie geistig präsent und körperlich uneingeschränkt Eckehart sich auch im fortschreitenden Alter durch sein reiches Leben bewegen durfte. Doch es war mir auch bewusst, dass der mir lieb gewonnene «Schweizer Degen» (Setzer und Drucker in Personalunion) auch eines Tages nicht mehr sein wird. So hatte ich mich im Frühjahr 2019 mit ihm in Verbindung gesetzt und gefragt, ob ich ihn in Bad Tölz besuchen dürfte. Er hatte mir sogleich eine herzliche und warme Einladung ausgesprochen und ich freute mich auf unser Treffen. So hatten wir zwei Tage Zeit in seinem Arbeitszimmer Bücher zu wälzen, zu schauen, zu reden, zusammen über die Betriebe und deren Zukunft zu diskutieren und das Erlebte auszutauschen. Seine Ehefrau Christiane kannte ich seit Jahren, aber erst bei diesem Besucht hatte ich verstanden, wie sie seine Passion und sein Leben bereichert haben musste. Ich bin dankbar, ihn noch einmal so frisch und lebensfroh erlebt haben zu dürfen und ich werde diese Erinnerung an ihn lebendig halten.
Ich bin froh, Eckehart SchumacherGeebler
kennengelernt zu haben und sein Schaffen war
für mein Leben und mich eine Inspiration.